Zwischen Instinkt und Vernunft
ist jedes Handeln - privat wie geschäftlich -
Ethik unterworfen

K5 - Information 3 l 2020

Viele von uns tun sich mit Widerspruch schwer.
Die drei letzten großen Krisen haben die Gesellschaft polarisiert.
Wir versuchen dem in unserem Brief auf den Grund zu gehen.
 

Widerspruch und die Bereitschaft zum Dialog


Der  Mensch tut sich mit Widerspruch schwer. Er meidet ihn,  wo es geht. Er gehört aber zum Leben. Wir begegnen ihm in der Beziehung, in der Familie, am Arbeitsplatz, unter Freunden, in der Freizeit. Da wissen wir in der Regel, wie wir mit unterschiedlichen Meinungen umgehen sollen: anhören, darüber diskutieren, möglicherweise annehmen -  sofern es passt, oder aber ablehnen und dennoch zur Kenntnis nehmen, akzeptieren, tolerieren.
Im politischen Diskurs ist es mit der Toleranz gegenüber anderen Meinungen nicht so weit her. Die Ablehnung  Andersdenkender hat es zwar immer schon gegeben, aber in den letzten Jahren wird sie offener als je zuvor zur Schau gestellt. Die bloße Zurückweisung weicht in vielen Fällen blanker Abneigung. Mit zunehmender Unversöhnlichkeit stehen einander unterschiedlich denkende Lager gegenüber.
Einen großen Riss durch die Gesellschaft gab es bereits im Jahr 2008 mit der Finanzkrise. 
Die Schere zwischen Arm und Reich tat sich schmerzhaft weit auf. Der mühsam erworbene  soziale Konsens in der Gesellschaft ging verloren. Die Globalisierung wurde für viele zum Feindbild.
Dann kam im Herbst 2015 die Flüchtlingskrise. Die anfängliche Hilfsbereitschaft wich bald einer breiten Angst vor Kontroll- und Wohlstandsverlust. Und obwohl wir es eigentlich bis heute ganz gut geschafft haben, geht die Angst um vor weiteren Flüchtlingen. Sie wird auch geschürt.
Und jetzt Covid – 19. Vor allem die Ungewissheit darüber, wann es ein wirksames Mittel dagegen geben wird, bedrückt viele Menschen. Sie fürchten um ihre physische Gesundheit, aber mittlerweile fast noch mehr um ihre wirtschaftliche Existenz.
Drei fundamentale Ausnahmesituationen hintereinander hinterlassen Spuren. Sie bereiten den Boden für Polarisierung. Der zu Beginn dieser Krisen gezeigte Zusammenhalt zerbröselt rasch. Die einen sagen: Holt euch, was euch zusteht. Die anderen fürchten um ihr Geld.
Die einen wollen Flüchtlingen weiterhelfen und sie integrieren. Die anderen haben Angst vor Wohlstandsverlust durch Migration. Die einen üben sich in äußerster Vorsicht vor Corona, die anderen nehmen die Bedrohung durch das Virus nicht ernst.
Für all diese unterschiedlichen Positionen gibt es gute und weniger gute Argumente.
Wie schön wäre es, könnten wir sie auf Augenhöhe austauschen, offen darüber diskutieren und am Ende mit Respekt vor der Meinung des anderen auseinander gehen. Doch das klappt heute in der Regel nicht. Viele von uns halten eine andere Meinung zu einem wichtigen Thema einfach nicht mehr aus. 
Die Bereitschaft zum Dialog braucht die Geduld, die Standpunkte zu erklären, ihnen zuzuhören, Fehler zuzugeben und Positionen zu korrigieren. Dann entsteht Vertrauen, Zuversicht und wieder Zusammenhalt.